Jan Peter Helmer

Rede Festakt Deutsche Einheit

Festakt mit Bundesminister a.D. Carl-Dieter Spranger im Evangelischen Bildungszentrum auf dem Hesselberg

Begrüßungsrede von Kreisvorsitzenden Jan Helmer

Tango Argentino –
Die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit, die Enttäuschung und Verzweiflung über das eigene Schicksal, über die Not, aber auch die Hoffnung auf eine besseres Leben in Selbstbestimmung, der Kampf für eine sich selbst findende Nation – welche Musik könnte all dieses besser ausdrücken als der Tango Argentino?

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,
wir haben bewusst diese beiden Musikstücke, die ebenso melancholisch wie lebensfroh, filigran wie kraftvoll sind, an den Anfang unserer Veranstaltung „20 Jahre Deutsche Einheit“ gerückt.

Ich heiße Sie alle willkommen; ich freue mich, Sie heute Abend auf dem Hesselberg begrüßen zu dürfen.

—— namentliche Begrüßung ——–

Zwanzig Jahre Deutsche Einheit markieren nicht nur ein wichtiges Kapitel unserer Geschichte, sie geben auch Anlass, Entwicklungen und das Erreichte zu beleuchten und zu analysieren. Entsprechende Reportagen haben in unseren Medien in den letzten Tagen und Wochen viel Raum eingenommen. Insbesondere kamen auch die Menschen selbst, im direkten Wort oder über Umfragen, zu Wort.

Liebe Freunde, gestatten Sie, dass ich einige erstaunliche und zur Diskussion anregende Umfrageergebnisse darstelle:

– Die Demokratie sei in den letzten 20 Jahren besser geworden, meinen 16%, 39% meinen aber, dass es um die Demokratie schlechter bestellt sei.

– Die persönliche Lebenssituation geben 31% mit besser, 24% mit schlechter an.

– Der Umgang der Menschen untereinander hat sich aus Sicht von 53% der Menschen in den neuen Ländern verschlechtert.

– Zwei Drittel meinen, dass die soziale Gerechtigkeit gelitten habe.

– Die Chancen, es zu etwas zu bringen, halten 26% für besser, 44% für schlechter.

– Jeder dritte Westdeutsche betrachtet die Einheit für sich persönlich eher als Verlust.

– Allerdings stellen 42% der Ostdeutschen für sich Gewinne aus der Einheit fest. Im Westen meinen dies nur 37%.

– Jüngere Ostdeutsche freuen sich mehr als ältere über die deutsche Einheit.

– 33% der Menschen in den neuen Ländern fühlen sich nicht als „Deutsche“, sondern ausschließlich als „Ostdeutsche“.

– Das traurigste Umfrageergebnis: 11% aller Deutschen hätten sogar am liebsten die Mauer zurück – so die Ergebnisse des „Sozialreports 2010“, der nach den Stimmungen und Empfindungen der Bundesbürger 20 Jahre nach der deutschen Einheit fragt.

– Das bemerkenswerteste Umfrageergebnis: Ein Viertel der PDS-Anhänger „Die Linke“ hält die Ostdeutschen für undankbar!

Eines aber zeigen nahezu alle Umfragen: Die Deutschen in Ost und West sind derlei Umfragen leid, sie haben sie satt. Liebe Freunde, ich darf Ihnen versichern: Ich auch!

Lassen Sie uns lieber die historische Dimension des in den letzten zwanzig Jahren Erreichten erkennen, hier nenne ich gerne „harte Fakten“: (ifo-Studie!)

– Die Lohndifferenz schrumpft – Der Ost-West-Abstand bei den Bruttolöhnen verringerte sich in den vergangenen rund 20 Jahren deutlich. 1991 haben die Ost-Gehälter durchschnittlich nur 57 Prozent des West-Niveaus betragen, heute sind es 83 Prozent.

– Mehr Rente als im Westen – Die Rentner in den neuen Ländern erhalten heute sogar im Schnitt mit monatlich 810,92 Euro eine deutlich höhere Altersversorgung als die Rentner im Westen (697,53 Euro im Jahr 2008).

– Bruttoinlandsprodukt verdoppelt – Das Brutto-Inlandsprodukt je Einwohner im Osten verdoppelte sich, es stieg von 9.751 Euro im Jahr 1991 auf 19.500 Euro im Jahr 2009. In Westdeutschland stieg das BIP je Einwohner im gleichen Zeitraum nur um zwölf Prozent.

– Einen gewaltigen Sprung machte die Produktivität der Wirtschaft Ost: 1991 waren noch 77,2 Arbeitsstunden nötig, um 1000 Euro Wirtschaftsleistung zu erreichen. Heute sind es nur noch rund 29 Stunden.

– Höhere Lebenserwartung – Kamen statistisch gesehen in der Wendezeit 246 Ärzte auf 100.000 Einwohner, so sind es heute 348 Mediziner. Dieser Entwicklung sowie den besseren Umweltbedingungen ist es zu verdanken, dass die Lebenserwartung in den neuen Ländern um rund sechs Jahre stieg.

– Höhere Bildung – Außerdem haben die Ostdeutschen heute im Durchschnitt auch höhere Bildungsabschlüsse als in der DDR. 21,8 Prozent aller Einwohner über 15 Jahren verfügen jetzt über die Hochschul- oder Fachhochschulreife. Damit stieg dieser Anteil in knapp zwei Jahrzehnten um 75 Prozent.

Nach vierzig Jahren zentraler Kommandowirtschaft der DDR dürfen jetzt alle Schüler und Schülerinnen Bildungswege, dürfen jetzt alle Menschen Lebenswege einschlagen, die ihren Begabungen und Zielen entsprechen.

Die Justiz ist unabhängig, die Medien sind frei, die Städte und die Straßen sind saniert, die Umwelt gedeiht und die Menschen haben eine hohe Lebensqualität. Jeder darf eine Freiheit genießen, die vierzig Jahre nur Westdeutschen vorbehalten war.

Wir freuen uns heute an einem Deutschland, das erstmals in seiner Geschichte in Frieden mit all seinen Nachbarn lebt.
Daher sind und bleiben das Ende des kalten Krieges, das Ende der Mauer und des Schießbefehls der größte Gewinn der Deutschen Einheit.

Liebe Freunde, ja, ich sage es: Wir haben blühende Landschaften in unserem Land!

Liebe Freunde, ich sage aber auch: wir dürfen nicht euphorisch sein und müssen wachsam bleiben.

Zwei Beobachtungen, nein, zwei deutlich spürbare gesellschaftlich-politische Entwicklungen bereiten mir Sorgen:

– Die Leistungskultur ist in Gefahr – Leistung oder Umverteilung
Grundlage unseres Staatswesens ist das Bemühen des Einzelnen, mit eigenem Antrieb und Ehrgeiz und durch Arbeit Werte zu schaffen. Werte, die dann innerhalb unseres Sozialstaates auch denen zugute kommen, die unverschuldet nur wenig zur Wertschöpfung beitragen können.
Seit einigen Jahren greift allerdings ein „empört-rechtender Neid“ um sich. Nicht die Leistung steht mehr im Vordergrund, sondern nur noch das Gefühl, dass andere mehr erreicht haben könnten und soziale Unterschiede nicht gerecht sind. Darin spiegelt sich die in der DDR vorherrschende Ideologie der allgemeinen Gleichheit wieder.
Allein mit Umverteilung werden wir allerdings nicht für sozialen Ausgleich sorgen können. Wir müssen diejenigen, die mehr als andere leisten wollen, auch hierzu ermuntern!

– Die Meinungsfreiheit ist akut bedroht
Nicht erst seit Thilo Sarrazin und Erika Steinbach wissen wir, dass jemand der Unangenehmes sagt, an den Pranger gestellt wird. Wir müssen aufpassen, dass nicht bei jedem unserer Worte jemand aufsteht und mit Unterstützung der Medien, der Interessensverbände und der Parteiführungen unsere Worte als unangemessen oder beleidigend darstellt. Eine solche Vorstellung ängstigt mich.

Ich freue mich daher umso mehr, dass wir heute die Rede eines Ehrengastes hören dürfen, der stets im besten Deutsch ein klares Wort gesprochen, der sein Haupt auch bei heftigstem Gegenwind aufrecht getragen hat.

Sehr geehrter Herr Spranger, lieber Herr Spranger, wir bitten um die Ehre Ihres Wortes!

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