Jan Peter Helmer

Dürfen unsere Kinder noch Kinder sein? – Zeitzeichengottesdienst

Vortrag von Jan Helmer
bei dem Zeitzeichengottesdienst am 27. 9. 2009 in St. Gumbertus, Ansbach, mit vorhergehendem Impulsreferat von Herrn Pfarrer Veh und zweitem Vortrag von Herrn Heinz Kreiselmeyer

„Dürfen unsere Kinder noch Kinder sein?“

Vor Gott steht der einzelne Mensch. Lassen Sie mich daher diese Frage in einem Gotteshaus anders fassen: „Darf ein Kind noch ein Kind sein?“.

In unserer schnelllebigen, vom Streben nach materiellen Wohlstand geprägten Zeit fällt eine Antwort auf diese Frage nicht leicht. Mein Vortrag soll daher keine Bestandsanalyse der Kindererziehung in Deutschland sein.

Vielmehr sollten wir uns alle klarmachen, dass der Schöpfer jeden Menschen und damit auch jedes Kind als eigenständige Persönlichkeit geschaffen hat. Daher nehme ich das Ergebnis meines Vortrages vorweg: Ein Kind muss ein Kind sein dürfen. Und ein Kind braucht auf seinem Weg zum Erwachsenwerden klare Regeln, eine liebevolle und mitunter strenge Führung, Aufgaben und die Freiheit, sich zu entfalten.

Auf diesem Weg müssen wir Eltern und Erwachsene Vorbilder und Partner unserer Kinder sein!

Alle Gesellschaften und alle Religionen dieser Welt kennen zudem Gebote. Wir Christen stellen die zehn Gebote oben an. Lassen Sie uns dies auch in der Erziehung eines Kindes tun. Eine Freundin hat mir eine CD überreicht mit Liedern, die die zehn Gebote für Kinder zum Inhalt haben. Bitte nehmen Sie nach dem Gottesdienst die CDs mit, die dort liegen, und verteilen Sie diese in Ihren Familien.

Sehr verehrte Damen und Herren, ich danke für die Einladung zu diesem Vortrag. Mein Name ist Jan Helmer, ich bin 45 Jahre alt, Dipl.-Informatiker und Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens mit etwa 50 Mitarbeitern in Windsbach. Einige von Ihnen werden mich bereits wahrgenommen haben. Als Mitglied des Kreistages Ansbach und als Vorsitzender des CSU-Kreisverbandes im Landkreis Ansbach bin ich politisch engagiert. Heute komme ich aber als jemand zu Ihnen, der sich abseits politischer Aufgaben Gedanken zu unserer Gesellschaft macht. Ich bin Vater dreier Kinder, die sich sehr schnell zu sehr eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln. Als Vater frage ich mich natürlich auch: „Was muss ich für meine Kinder tun?“.

Herr Pfarrer Veh, Sie sagten in Ihrem Impulsreferat, dass sich die Wirtschaft beklage, dass Uni-Absolventen nicht zu gebrauchen seien und die Schuld auf die Uni schiebe. Die Uni schiebe die Schuld auf die Schulen usw. Wenn so viele unzufrieden sind, müssen wir in der Tat fragen, ob wir nicht zum Teil einem falsch verstandenen Bildungsideal hinterherlaufen und so manches Kind auf einen Irrweg führen.

Bereits die Römer wussten, dass wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen. In der bayerischen Verfassung heißt es sogar wörtlich: „Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden“.

Herz und Charakter sind die Bausteine der Lebenstüchtigkeit. Herz und Charakter braucht jeder von uns, vor allem auch unsere Kinder. Die „Wirtschaft“ – nein, besser – das Leben nach der Ausbildung fordert nur das, was ohnehin Ziel jeglicher Erziehung sein sollte.

Wir brauchen junge Menschen, die
– Bildung haben, sich auf Ihre Bildung aber nichts einbilden,
– mit Fleiß und Ausdauer neue Aufgaben angehen,
– Interesse haben und Neues lernen wollen,
– Verantwortung übernehmen,
– andere Menschen, Kulturen und Lebensgewohnheiten tolerieren und schätzen,
– höhere Autoritäten anerkennen,
– aus Rückschlägen neue Motivation schöpfen,
– Gewinne nicht als Übel brandmarken, sondern als Voraussetzung für Wohlstand und Leistungsfähigkeit anerkennen,
– Spaß an der Arbeit und am Leben haben.

Sie sehen, dass es nicht alleine Leistung oder Bildungsabschlüsse sind, die unserem Leben Wert verleihen. Im Gegenteil, die Menschen sind in ihren Veranlagungen und Talenten sehr unterschiedlich. Gerade dies müssen wir akzeptieren und fördern.
Eltern haben hohe Erwartungen und große Ängste um ihre Kinder. Sie fragen sich, wie muss ein Kind erzogen werden?

Eine autoritäre Erziehung alter Prägung ist sicherlich nicht geeignet, junge Menschen mit Selbstbewusstsein zu erziehen.

Ebenso gescheitert dürfte die antiautoritäre Erziehung sein. Setzt man Kindern keine Grenzen, können sich diese sehr schnell zu „kleinen Tyrannen“ entwickeln. Wer nicht zurecht gewiesen wird, kann auch keine Rücksicht auf seine Mitmenschen nehmen.
Ein anderes Extrem ist die Verwahrlosung von Kindern. Eltern, die sich um ein Kind nicht kümmern, verwirken ihr Recht auf Kindeserziehung. Hier muss der Staat eingreifen.

In vielen unserer Familien stellen wir jedoch ein anderes Phänomen fest: Eltern, die es zu gut mit ihren Kindern meinen, ihre eigenen Lebenswünsche auf Kinder projizieren und mit hoch gesteckten Bildungszielen ein Kind sehr schnell überfordern können. Überfordern, weil die persönliche Entwicklung eines Kindes hierbei zu kurz kommen muss. Niemand sollte meinen, dass er mit übertriebener Fürsorge ein Kind fördern könne. Niemand sollte meinen, dass man alle Gefahren und Widrigkeiten des Lebens von einem Kind fernhalten dürfe. Das Leben in einem solchen „abgeschirmten Biokosmos“ kann ein Kind nicht zu einem mündigen Menschen machen.

Helfen Sie mit, dass ein Kind noch Kind sein darf.

Nutzen wir in der Erziehung die kindliche Art zu lernen, das kindliche Spiel, mit dem es die Welt im wahrsten Sinne des Wortes begreift, die große Neugierde auf alle Dinge, das genaue Beobachten, das förmliche Aufsaugen von Informationen und Reizen. Fördern wir eben dies.

Ein Kind muss auch Freiheiten haben dürfen, auf jeden Fall die Freiheit, zu spielen und sich zu entfalten.

Diese Freiheit, das heißt die Freiheit auf Entfaltung der Persönlichkeit, wirkt umso positiver, je deutlicher die Grenzen der Freiheit gezogen werden. Ein Kind braucht daher auch klare Regeln und Grenzen. Und es braucht Gebote. Nehmen wir allein die zehn Gebote und den Glauben an Gott. Jeder von Ihnen kann sich sicherlich gut an prägende Momente in seiner Kindheit erinnern, in denen er die Nähe zu Gott und die Kraft göttlicher Gebote erfahren durfte.

Scheuen wir uns nicht davor, unseren Kindern Arbeiten, z.B. im Haushalt oder im Garten zu geben. Der Umgang mit Tieren und Pflanzen prägt die Verbundenheit zur Schöpfung und bildet Verantwortungsgefühl.

Und, wir wollen keine Stars, die sich auf einem Bildungsabschluss ausruhen und meinen, dass Sie allen anderen überlegen seien.

Häufig erlebe ich zudem, dass gerade junge Menschen nicht konstruktiv streiten und um Lösungen ringen können. Sie meinen vielmehr, dass nur Ihre Meinung zähle und jede andere Meinung zu verwerfen sei.

Lassen Sie Kinder daher auf ihre kindliche Art Auseinandersetzungen erleben. Unsere Welt, in der gestritten wird, mag schlimm sein. Schlimmer wäre aber eine Welt, in der auch die Kinder nicht mehr streiten dürften.

Die Frage an mich war, was die Wirtschaft von jungen Menschen erwartet.
Eines erwartet die Wirtschaft auch: Das Streben nach Erfolg.
Erfolge sind untrennbar mit Sieg und Niederlage verbunden. Wer Erfolg anstrebt, muss auch mit Niederlagen umgehen können. Gerade diese Fähigkeit müssen wir einem Kind beibringen: Kraft zu schöpfen aus einer Niederlage, Kraft für neue Erfolge.

Hinfallen darf man, man muss nur wieder aufstehen!

Schonen wir unsere Kinder nicht! Fördern und fordern wir sie! Lassen Sie uns Partner und Vorbilder unserer Kinder sein!

So wie es Galileo Galilei gesagt hat: „Man kann einem Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“

Stehen wir daher zusammen, fordern wir jeder an seinem Platz: Ein Kind darf ein Kind sein!

Vielen Dank.

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